Erderwärmung: Woher kommt eigentlich das 1,5-Grad-Ziel?

Alle sprechen von der magischen 1,5°C Grenze der Erderwärmung. Aber woher kommt die eigentlich?

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Der neueste Report des Weltklimarats - oder, offiziell, Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) - hat für viel Wirbel gesorgt. Unter anderem enthält der Bericht neue Schätzungen über die Wahrscheinlichkeit, dass die globale Erderwärmung in den nächsten Jahrzehnten die Marke von 1,5°C überschreitet, und kommt zu dem Schluss, dass eine Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 oder sogar 2°C nicht zu erreichen ist, wenn die Treibhausgasemissionen nicht sofort, rasch und in großem Umfang verringert werden.

Und schon ist sie da, da nahezu magische Marke von 1,5°C. Aber woher kommt dieses Ziel überhaupt, womit wird es verglichen?
Und ist der Unterschied zwischen 1,5 oder 2°C wirklich so gravierend? Wir bringen ein wenig Licht ins Dunkel.

Woher kommt das 1,5 Grad Ziel? 

Bereits 2018 hat der Weltklimarat (IPCC) einen Sonderbericht herausgegeben mit dem Titel: „1,5 °C GLOBALE ERWÄRMUNG Häufig gestellte Fragen und Antworten - Ein IPCC-Sonderbericht über die Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5 °C.

Doch ihren Ursprung haben die 1,5°C einige Jahre zuvor in Paris. Dort verabschiedete die Mehrheit der Länder der Welt im Dezember 2015 das Übereinkommen von Paris, dessen zentrales Ziel (unter anderem) die Bemühungen zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5°C ist. Nach diesem Klimagipfel entstand der IPCC-Bericht über die Folgen einer globalen Erwärmung um 1,5°C, der 2018 erschien. 

Ok, also höchstens 1,5°C Erwärmung, das haben wir verstanden. Aber wie wird das nun gemessen? Pro Jahr? Alle zehn Jahre? Außerdem brauchen wir einen Vergleichswert. Und dieser findet sich in dem sogenannten vorindustriellen Niveau. Doch was bedeutet das nun schon wieder? 

Die Begriffe „vorindustriell” und „Durchschnittstemperatur”

Grundsätzlich ist mit vorindustriell zunächst einmal jeder Zeitraum vor dem Beginn der industriellen Revolution gemeint. Wenn wir nun aber einen Zeitraum suchen, den wir zum Vergleich des Temperaturanstiegs zu Hilfe nehmen wollen, gibt es ein paar Einschränkungen, die zu berücksichtigen sind. Denn eins ist klar: Je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto weniger Temperaturmessungen liegen vor. Ungeschickt, denn wir wollen ja mit verlässlichen Daten vergleichen.
Außerdem sollten spontane und ereignisbezogene Klimaschwankungen, wie beispielsweise aufgrund eines Vulkanausbruchs, die Vergleichswerte möglichst wenig verfälschen. Der IPCC-Sonderbericht nutzt daher den Referenzzeitraum 1850 bis 1900. Dies entspricht dem frühesten Zeitraum mit (nahezu) weltweiten Temperaturaufzeichnungen und gleichzeitig dem Zeitraum, in dem die Temperaturen denen vor der industriellen Revolution am nächsten kommen. 

Gut, nun wissen wir also, dass wir die durchschnittliche Erderwärmung mit der Durchschnittstemperatur der Jahre 1850-1900 vergleichen. Aber was bedeutet denn nun Durchschnittstemperatur? 

Auch darauf hat der IPCC-Bericht eine Antwort. Die Erwärmung wird definiert als „der Anstieg des globalen 30-Jahres-Durchschnitts kombiniert aus Lufttemperatur über Land und Wassertemperatur an der Meeresoberfläche”.

30 Jahre das klingt zunächst einmal nach sehr viel. Doch der lange Zeitraum stellt sicher, dass natürliche Schwankungen, wie etwa das starke El-Niño-Ereignis in den Jahren 2015 und 2016, ausgeglichen werden. 

2018, also im Erscheinungsjahr des IPCC-Berichts, nahm die globale Temperatur pro Jahrzehnt etwa um 0,2°C zu. Bei gleichbleibender Geschwindigkeit ging man 2018 also davon aus, dass die 1,5°C-Marke etwa im Jahr 2040 erreicht wird. Heute wissen wir: Die Erderwärmung hat sich beschleunigt. Wenn wir jetzt nichts ändern, knacken wir bereits 2030 das erklärte Ziel von 1,5°C. Dass wir dieses dann halten können und nicht weiter überschreiten, gilt unter Experten als höchst unwahrscheinlich. 

Aber, ob 1,5°C oder 2 - das kann doch nicht so einen großen Unterschied machen, oder? Kurzer Spoiler: Doch! Die Details sehen wir uns jetzt an!

1,5°C oder 2°C - wo liegt der Unterschied?

Schon jetzt bekommen wir die Folgen des Klimawandels und der Erderwärmung immer heftiger zu spüren. Extrem heiße Tage, Starkregen, Überflutungen und Trockenzeiten. All das sind die Auswirkungen von „nur” 1°C Erwärmung. Wir können davon ausgehen, dass die Auswirkungen mit jedem Zehntel-Grad mehr immer deutlicher werden. 

Werfen wir also einen Blick auf die Bereiche, in denen der Unterschied zwischen 1,5 und 2°C am deutlichsten wird. 

  • Anstieg des Meeresspiegels: Bei 1,5°C steigt der Meeresspiegel um rund 4 Millimeter pro Jahr. Bei 2°C sind es bereits 5,5 Millimeter. Was nicht nach viel klingt, kann die Wucht der Wassermassen bei Sturmfluten massiv beeinflussen. Nimmt man die Nordsee als Beispiel, so wäre bei 1,5°C etwa einmal alle 100 Jahre mit einer extremen Sturmflut zu rechnen, bei 2°C bereits alle 33 Jahre. Zudem würden einige Inselstaaten einfach verschwinden. 
  • Überflutungen: Nicht nur der Anstieg des Meeresspiegels sorgt für mehr Überflutungen, auch Regenfälle nehmen in der 2-Grad-Welt deutlich zu und das Risiko für Überflutungen, wie wir sie erst kürzlich in Westdeutschland gesehen haben, steigt erheblich an. 
  • Hitzewellen: Das bisherige Rekord-Hitze-Jahr in Deutschland ist das Jahr 2019 mit einer Durchschnittstemperatur von 19,2 Grad. Auch die Jahre 2016, 2017 und 2018 waren bereits Rekord-Jahre.
    Bereits dieses Jahr gab es mit 48,8 Grad in Sizilien einen neuen Hitzerekord für Italien und ganz Europa. Bei einer Erderwärmung um 1,5°C wird etwa jedes zweite Jahr so heiß werden wie 2016. Bei 2°C sind es 9 von 10 Jahren. Das hat neben anhaltenden Dürren auch immer mehr Hitzetote zur Folge. 
  • Dürren: Schon jetzt leidet die Landwirtschaft immer öfter unter Monaten mit zu wenig Niederschlag. Bei 1,5°C käme es in Mitteleuropa durchschnittlich zu 2,6 Dürremonaten pro Jahr, bei zwei Grad sind es schon 2,8 Monate. Das bedeutet nicht nur Ernteausfälle, sondern auch eine erhöhte Gefahr für Wald- und Flächenbrände, wie wir sie aktuell in Griechenland und dem gesamten Mittelmeerraum sehen. 

Hinzu kommen weitreichende Folgen für das gesamte Ökosystem, wie die Auswirkungen auf Korallenriffe, das Abtauen von Permafrostböden, das Unmengen an Methan freisetzt, oder der Zunahme von Armut innerhalb der Bevölkerung. 

Kurz gesagt: Viele der Folgen des Klimawandels sind bei einer Erwärmung um 1,5°C mit einem geringeren Risiko verbunden als bei einer Erwärmung um 2°C. Es geht also darum, die Risiken so gering wie möglich zu halten - vermeiden können wir sie ohnehin nicht mehr. 

Fazit: Wir haben es in der Hand!

Wir haben gesehen, ob wir die Erderwärmung bei 1,5 oder 2°C stoppen können, macht für uns und die Welt einen erheblichen Unterschied. Zwar können wir Hitzerekorde, Überflutungen, Dürren und den Anstieg des Meeresspiegels nicht mehr verhindern, aber wir können beeinflussen, wie oft diese passieren. 

Dr. Veronika Eyring vom DLR-Institut für Physik der Atmosphäre ist Koordinierende Leitautorin des Kapitels „Der menschliche Einfluss auf das Klimasystem” im aktuellen Report der Weltklimaberichts. Sie sagt: „Der menschliche Einfluss ist nicht nur der wesentliche Treiber für die Erwärmung des Klimasystems, sondern auch für die Zunahme von Wetter- und Klimaextremen.” 

Damit ist klar: Wir haben die Chance, etwas zu ändern und so dem Ziel von „nur” 1,5°C Erderwärmung so nahe wie möglich zu kommen. Es liegt in unserer Verantwortung (und damit meine ich Dich und mich genauso wie Politik und Wirtschaft), die Treibhausgas-Emissionen so schnell und so entschieden wie möglich in großem Ausmaß zu reduzieren. Wie das gelingen kann? Einige Ideen findest du in unserem Artikel: Drei innovative Klimaschutzprojekte und was Octopus Energy dafür tut, kannst du in unserem Beitrag Eine große grüne Delle im Universum dank Kranken nachlesen. 


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